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Das
Cover-Trauma: Spielt
doch mal was von ACDC!
Inzwischen
kennen wir den Effekt. Immer wenn ein Stück von uns mit breiten,
offenen Killer - Akkorden und einem straighten Achtel-Rhythmus
anfängt, leuchten im Publikum einige Gesichter auf, es wird
zur Luftgitarre gegriffen und die Köpfe beginnen zu wackeln.
Doch spätestens wenn der Gesang einsetzt, weichen die euphorischen
Grimassen einem Ausdruck von frustrierter Ernüchterung. Das
ist ja gar nicht von ACDC! Dabei hat es so schön angefangen.
Fast wie Highway To Hell, oder? Na, irgendwie doch nicht. Aber
es hätte ja sein können..
Nichts gegen
ACDC, im Gegenteil. Die haben vorgemacht, wie man mit Reduktion
einen unverwechselbaren Stil schafft. Nicht zuletzt deswegen gebe
ich jedem, der bei einem unserer Konzerte an die Bühne kommt
und sich Highway To Hell, Whole Lotta Rosie, Hells Bells usw wünscht,
den Rat, sich an seinen CD-Player zu wenden, der kann das weitaus
besser nachspielen. Was soll ich mir den Hals ruinieren und dann
klingt es doch nicht wie Brian Johnson oder sein unvergessener
Vorgänger Bon Scott, Gottvater aller Schreihälse.
Doch
würde ich seit meinen Vorschultagen mit Reißnägeln
gurgeln und mich intravenös von Jack Daniels ernähren,
fände ich deshalb noch lange nicht mein größtes
Glück in der Wiedergabe alter Rock-Gassenhauer. Das überlassen
wir lieber den Nachspiel-Bands, die erst gar nicht auf die Idee
kommen, einen eigenen Song zu schreiben. Warum sollten sie auch?
Ein bunter Mix aus Bon Jovi, Stones, Chris Rea und Tina Turner bringt
Festzelte wie Vereinshallen in Wallung und kurbelt den Bierkonsum
an. Und wenn dazwischen noch ein aktueller Charts-Hit erklingt,
so was Hip Hop-mäßiges zum Beispiel (C´mon Mothafucka
...), hat man dann auch die Kidzz auf seiner Seite. Stimmung querbeet
durch die Generationen! Jawohl!
Klingt a
bisserl neidisch, gell? Aber die nackten Tatsachen sind anderen
Ursprungs: Ich kann nicht nachspielen. Einen Song eins zu eins
zu covern fühlt sich für mich an, als müsste ich
in Klamotten von Zwerg Nase, Rübezahl oder Fräulein
Schneewittchen schlüpfen und auch noch versuchen, eine gute
Figur darin abzugeben. OK, früher haben wir "Carry On
Wayward Son" gespielt und "Gypsy" und "Stairway
To Heaven". Die Band hieß Stoker und liebte die künstlerische
Herausforderung gerade dann, wenn man ihr am wenigsten gewachsen
war. Später dann, mit der Jodie Rocco Band, gab es auch mal
was von Pat Benatar, weil Jodie die so mochte und fast genauso
klang. Aber immer wenn ich die Finger im Spiel hatte, hörte
es sich alles andere als authentisch an. Dabei konnte ich mit
vierzehn das Solo von "Child In Time" runterhobeln,
es folgten diverse Rory-Gallagher- und Johnny-Winter-Riffs sowie
sämtliche Gitarrenparts von Wishbone Ash. Fingerübungen,
von denen ich heute noch profitiere. Aber am Ende habe ich immer
meinem eigenen Stiefel den Vorzug gegeben. Vielleicht mangelt
es mir einfach nur an der nötigen Disziplin, wer weiß?
In den Siebzigern
war es wichtig, dass die Bands eigenes Material spielten. Ein
paar Covers durften schon sein, vor allem
wenn sie zum Stil der Band passten oder wirklich originell interpretiert
wurden. Aber reine Cover-Bands galten als Schrott. "Die spielen
ja nur nach", war der gängige Kommentar, denn Originalität
und Kreativität galten als mindestens ebenso wichtig wie
spielerisches Können. (Dieser Bewertungsmaßstab
trieb mitunter exotische Blüten: Unseren
ersten Theatron-Gig bekamen wir, weil sich der damalige Veranstalter
die falsche Seite unseres Demo-Tapes angehört hatte. Auf
der die schwurbeligen Improvisationen unseres Keyboarders Fritzi
zu hören waren, begleitet von den impulsiven Klampfereien
und dem poetisch gemeinten Gelalle eines unmusikalischen Kumpels
aus der Nachbarschaft. Das klang interessant,
experimentell, eigenständig - und schwer nach einer Überdosis
schwarzem Afghanen, welcher nun ganz sicher keine Rolle bei der
Session gespielt hatte. Je Dope, desto Gig, war hier wohl die
Devise. Der Veranstalter hatte dennoch nichts dagegen einzuwenden,
als dann fünf drollige, Bier trinkende Milchbärte antanzten
und ihre Version von vorstädtischem Seventies-Rock aus den
Speakern bliesen.)
Wer
in den Siebzigern dabei war oder "Almoust Famous" gesehen
hat weiß, dass der Ausverkauf des Rock damals schon begonnen
hat. Doch erst MTV und Konsorten ist es gelungen, die bedauerliche
Werteverschiebung zu etablieren, die die Musik-Szene bis in regionale
Gefielde erschüttert. Gerade bei den jüngeren Semestern
scheint sich die Anschauung durchgesetzt zu haben, dass nur von
Wert sein kann, was in der großen Medien-Matsch-Maschine
rotiert. Hinzu kommt ein unüberschaubares Angebot an Musik
aller Art, das in zehn Leben nicht bewältigt werden kann.
Wozu also noch den Arsch vor die Tür tragen und schauen,
ob es in der näheren Umgebung etwas musikalisch Interessantes
zu entdecken gibt? Und wenn man zufällig doch in so einem
Schuppen landet, wo sich gerade eine Live-Band abschwitzt, dann
erfolgt früher oder später der Griff zur verbalen Fernbedienung
und es heißt: "Spielt doch mal was von ...". Früher
(ja, früher!) hieß so etwas Wunschkonzert, kam wahrscheinlich
Sonntag Mittag in der ARD und galt uns Eingeweihten als Abgrund
der bürgerlichen Spießer-Hölle. The times, they
are a-changing. But so what.
OK, wir spielen
was von Hendrix. Weil meine Strat diesen Sound hat, mit dem man
einfach Hendrix spielen muss und weil seine Riffs einfach gut
zu uns passen. Doch wer ein bisschen genauer hinhört wird
feststellen, dass unsere Version ziemlich wenig mit den Originalversionen
zu tun hat. Der Bass-Groove stammt imgrunde von Ted Nugent und
meine Stimme klingt immer noch mehr nach Bryan Ferry als nach
dem Gitarrenanzünder aus Seattle. Wir spielen auch Stevie
Ray Vaughan, weil wir lieber einen guten Blues-Rock-Song covern
als einen schlechten selbst zu schreiben. Und wir spielen "Hurt",
weil es ein unverwüstliches Jahrhundertstück ist, das
einem beim Spielen und Singen das Gefühl vermittelt, an etwas
Größerem teilzuhaben.
Ich will
jetzt nicht noch weiter auf den Putz hauen und uns als eigenständige
Künstler mit unverwechselbarer Handschrift anpreisen, aber
ich hoffe, dass der Unterschied dem einen oder anderen klar geworden
ist: Entertainment kommt für uns an zweiter Stelle. Wir haben
einige mächtig gute Stücke im Repertoire, die werden
zwar nie auf MTV oder Radio Energy laufen, aber sie sind es auf
alle Fälle wert, dass man ein bisschen genauer zuhört.
Und überhaupt gibt es eine Menge guter Bands und Musiker,
alte und neue, die von euch entdeckt werden wollen. Man muss nichts
tun als ein paar Euro in einen Abend zu investieren, den man ansonsten
vor der Glotze, der Spielekonsole oder in der Stammkneipe abhängen
würde, und die Bereitschaft mitzubringen, sich überraschen
zu lassen. Der Spaß kommt dann von ganz alleine, wenn man
nur einen Funken Musikalität mitbringt.
Variety is
the spice of life, und bei euren All-Time-Goodies könnt ihr
im Fasching immer noch mitgrölen.
©
2004 Peter Scheerer
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