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Impressionen von einer unserer abenteuerlichsten Exkursionen gibt's hier zu sehen.

3 Jahre on the road – eine Zwischenbilanz

Als unser Drummer Harry am 17. August per eMail seinen Ausstieg mitteilte, war eigentlich niemand wirklich überrascht. Nicht, dass wir uns nicht mehr verstanden hätten oder dass es sonstwie gekriselt hätte. Aber die Frage, wie es mit uns weitergehen soll, hat uns davor schon eine ganze Weile beschäftigt. Da war zum einen das Zeitproblem. Harry und Skillet hatten jeweils ca. 50 km Anfahrt zum Üben, und beide waren in ihren Day-Jobs zum Teil sehr eingespannt. Dass wir mit dem daraus resultierenden minimalen Übungsaufwand dennoch ein mitreissendes Set auf die Bühne gebracht haben, spricht für sich. Aber für musikalische Weiterentwicklung – also für neue Stücke, die das Terrain des Althergebrachten auch mal verlassen – war kaum Zeit. Unser Song für das Eddie Jobson-Tribute-Projekt sollte diesbezüglich einen Wendepunkt markieren. Mal sehen, was daraus wird.

Dass wir jetzt nicht auf Teufel komm raus einen neuen Drummer suchen, hat mehrere Gründe. Ich zum Beispiel brauche dringend eine Verschnaufpause. Wer jetzt denkt, dass mich die körperlichen Anstrengungen, die mit einem Road-Gig verbunden sind, vor weiteren Aktivitäten abschrecken, irrt sich allerdings. Wenn man aufs Saufen verzichtet und, wie in meinem Fall, nur die Hälfte raucht, erweist sich so eine Aktion durchaus als Fitness-Übung. Und auch meine Freundin hat sich nicht beklagt, im Gegenteil. Es sind die ewig gleichen Details, die eine Empfindung entstehen lassen, welche sich vielleicht am ehesten mit dem Begriff "Frustration" umschreiben lässt. Beispiele gefällig???

Da gibt es bestimmte Art von Schuppen, da spielst du immer vor 17 Leuten. Und jedes Mal sind es DIESELBEN. Egal, in welchem Dorf / in welcher Stadt sich dieser Schuppen befindet. Und es ist immer einer dabei, der beteuert, dass das die beste Band ist, die er seit einem Jahr (seit zehn Jahren / seit Woodstock / jemals) gehört hat. Es ist immer einer dabei, dessen bester Freund ein Riesen-Festival plant, auf dem ihr ganz bestimmt spielen werdet. Es ist immer einer dabei, der dir sagt, wie du deine Gitarre einstellen oder Schlagzeug spielen sollst, weil es dann noch viel besser kommt. Manchmal heißt es auch: "Ihr müsst mehr Show machen, Leute!" Auf einem Festival hat mich mal einer bequatscht, der wusste ganz genau, wie wir Erfolg haben würden. Auf der Bühne tobte sich gerade eine Punkband aus und schmetterte den zugegebenermaßen recht eingängigen Refrain ihres Songs Arschloch. "So was müsst ihr machen", riet mir der gute Mann. "Das kommt an. Da singen die Leute gleich mit, weil sie es sich so leicht merken können." Arschloch, Arschloch! Vielleicht hat er sich selbst gemeint.

Eigentlich verdammt witzig. Aber in der Endlosschleife nutzt es sich ab. Arschloch, Arschloch … na ja, Schwamm drüber. Auch die ewigen ACDC-Rufe sind irgendwie zu verkraften. DA MUSS MAN EINFACH DRÜBERSTEHEN!!! Aber wenn du einen Pulk von Primaten vor dir hast, mit dem Rücken zur (ebenerdigen) Bühne, die sich brüllend über Fußballergebnisse "unterhalten", könnte einem schon mal mehr als die Hand ausrutschen. Vielleicht gründe ich demnächst eine Big-Band, deren Mitglieder ich ausschließlich aus diversen Martial-Arts-Schulen rekrutiere. Da bekommt die Floskel "dem Publikum einheizen" eine völlig neue Dimension... aber nein, no bad vibes! Ich bin ganz sanft. Ruhe in meiner Mitte. Ommmmmm...

Stichwort "Bühne": Kaum zu fassen, was alles diese Bezeichnung trägt. Es gibt "Bühnen", da müsste man sich hintereinander aufstellen. Und solche, auf denen du dich keine zehn Zentimeter zur Seite bewegen kannst, ohne an einen rustikalen (und völlig überflüssigen) Holzpfeiler zu rumpeln. "Da ham scho zehn Leit drauf gspuit", erklärt der Wirt abwiegelnd. "War a bisserl eng, aber irgendwie is es ganga". Unglaublich, zu welcher Selbsterniedrigung Musiker fähig sind! Auch nicht zu verachten: Bühnen, die sich direkt vor dem Klo befinden. Okay, wenn einer unbedingt muss… so lange er halbwegs nüchtern ist und nicht die Kabel raus reisst. Über die unsäglichen Flohmarktdekos aus "antiken" Brauereischildern, zerdepperten Klampfen, handbemalten Saxofon spielenden Holz-Afroamerikanern und gerahmten Fotocollagen besoffener Stammgäste will ich erst gar nicht lästern.

Wir hatten noch nicht: Den harmlosen Irren, der vor seinen Freunden unbedingt "Love Me Tender" zum Besten geben will. Und die Bitte um "Happy Birthday", weil irgendwer gerade Birthday hat. Ich pflege in solchen Fällen das klassische Happy Birthday, also nicht die Stevie Wonder-Nummer, in Hendrix-Manier zu zersägen. Wie Jimi damals das Star Spangled Banner. Kommt manchmal sogar gut an. Dann noch die zahllosen Schnäpse, die du während des Gigs kippen sollst. Erklär mal einem, der sich jede Nacht strunzbesoffen mit seinem getunten Opel ins Maisfeld katapultiert, dass du größten Wert darauf legst, nüchtern und an einem Stück zuhause anzukommen.

Meine absoluten Lieblinge sind jedoch die "Spielt leiser!"-Freaks. Lautstärke war nie unser Thema, wir wollten weder uns noch anderen weh tun. Druckvoller Sound, klar. Den haben wir aber immer ohne unnötige Dezibel hingekriegt. Und Drummer Harry war nie einer, der in die Felle drischt, eher im Gegenteil. Schon beim Soundcheck sind wir immer sehr behutsam ans Werk gegangen. Und schon steht eine/r vor dir und sagt, "ihr müscht viel leisa spiele, die Leut sind sowas net gwöhnt." Also nochmal den Pegel senken, der Drummer packt die Schwedenhölzer aus. Gitarre auf der Bühne praktisch unhörbar, der Bass ein dumpfes Zirpen. Aber: Immer noch VIEL ZU LAUT! Himmelhallelujasakrasacklzementnochmal. Irgendein blöder Arsch hat hier eine Rockband engagiert, und diese Rockband macht verdammt noch mal Rockmusik. Und wenn die Leut miteinand schwätze wolle, während sie ihren blöden Salat futtern oder ihre Mikrowellenpizza, dann sind entweder die Leut oder die Band am falschen Platz.

Es gibt übrigens auch Bands, die laut spielen dürfen. Die kommen meistens aus dem Ausland. Wenn irgendein gehörgeschädigter Texaner in die Saiten langt, dass den Leuten das Blut aus den Ohren spritzt, dann nickt man sich wissend zu. Ja ja, diese Amis, die haben's drauf. So einem brauchst du erst gar nicht zu sagen, dass er leiser spielen soll. Der zeigt dir den Mittelfinger und packt seine Klampfe wieder ein, oder er haut dir gleich mitten auf die Zwölf. So sind die nun mal. Die leben den Blues/den Rock'n'Roll/whatever. Das ist echte Dezibel-Folklore.

Noch ein paar Standards gefällig? Du spielst vor ebenjenen 17 Gästen und der Wirt / der Veranstalter kommt an und jammert, er könne das gar nicht verstehen, sonst wäre immer VIIIEEEL mehr los am Freitag / Samstag / Donnerstag etc. Kann nur an dem Stadlfest im Nachbardorf liegen. Und weil der Sepp /der Achim / der Norbert ("den kennen hier alle") Geburtstag feiert ("vielleicht kommen die später noch, dann müsst's halt a Stund länger spuin."). Und weil im Freizeitheim ein Punkkonzert stattfindet mit 17 Bands aus der Region...

Oder die Unterbringung: "Drei Einzelzimmer, no problem." Har har. Selten so gelacht. Wir sind schon 200 km durchs dichteste Schneetreiben geschlittert, um der Wanzenburg zu entkommen, die uns zur Übernachtung angeboten wurde. Manchmal haben wir den Braten rechtzeitig gerochen und sind auf eigene Kosten ins Hotel gegangen. Ich liebe Hotels! Zimmerservice! Wake up call! Da nimmt man auch gern das Umziehen in der mitunter versifften Küche des Auftrittslokals inkauf.

Oh Mann/Frau, hört sich das alles negativ an. Aber es gab auch Momente, die ich in vollen Zügen genossen habe. Die Trips mit der Fähre über den Bodensee. Den Gig auf dem Aqua Turbo Contest in Ingolstadt – nicht weil wir gewonnen haben, sondern weil einfach alles gestimmt hat: der Saal, der Sound, das Licht, die Bühne, das Publikum. Letztendlich gab es bei jedem Gig diese magischen Augenblicke, und wenn die Bedingungen noch so ungünstig waren. Aber wo hat es uns hingeführt? Der Sprung auf die größeren Bühnen ist und bislang verwehrt geblieben. Also die ganze Tour noch einmal von vorn?

Mitnichten. Die Live-Szene ist im Sterben begriffen. Die Live-Clubs bieten kaum mehr Festgagen an, sogar US-Künstler sollen künftig auf Eintritt spielen. Oder die Veranstalter steigen um auf Ü30-Parties und Karaoke-Nights. Ihnen ist kein Vorwurf zu machen – Existenzsicherung geht vor. Kleine Fürze wie wir machen da keinen Stich. Die Zeiten sind vorbei, in denen du einen Gig vor 50 Leuten gespielt hast, den nächsten vor 100 und den übernächsten vor brechend vollem Haus. Und als Dreingabe schneit aus heiterem Himmel eine Einladung zu Rock am Ring herein. Die Leute sind übersättigt und träge geworden, oder sie haben einfach die Nase voll von den zu erwartenden Cover-Bands und Stevie Ray Vaughan-Klonen. Umdenken ist das Wort der Stunde. Ich bin fleißig dabei, mein Wort drauf. Wo es mich (und DW) hinführt, weiß ich noch nicht.

© 2006 Peter Scheerer