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Die große Gehirnwäsche: Trau keinem über 25…

"Dank des medizinischen Fortschritts ist es möglich, auch noch in fortgeschrittenem Alter Musik zu machen."
Der Flachkopf, der sich diese klebrige Wortgülle aus dem Ärmel gewrungen hat, soll hier namentlich unerwähnt bleiben. Es soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass ebenjene Ironie-Ikone zum Zeitpunkt ihrer oben zitierten Absonderdung bereits deutlich auf die Vierzig zugegangen ist und, wie gemunkelt wird, selbst in einem begrenzten Rahmen musikalisch aktiv ist. (Ich empfehle als Lektüre "Der Verrat am Selbst" von Arno Gruen, erschienen bei dtv.) Wir wurden für diesen Fauxpas, mit dem unser Auftritt bei einem überregionalen Band-Contest anmoderiert wurde, zwar angemessen entschädigt, indem wir fünfzehn "jungen" Bands mal eben den Arsch weggespielt haben. Aber so einfach kommt mir der Bursche nicht davon, zumal sein krankes Gefasel stellvertretend ist für eine blinde Anpassung, die hierzulande wie ein Krebsgeschwür wuchert.

Also vorneweg und ganz im Ernst: Nichts gegen junge Bands! Ach wo! Bitte macht weiter, werdet immer besser und riskiert hin und wieder mal einen Ausbruch aus euren Schablonen, als da beispielsweise wären: Nu Metal mit Deathcore-Einflüssen, oder Emo-Punkrock mit Screamo- und Alternative-Elementen usw. Hört sich ganz schön nach Fach-Chinesisch an, aber pseudo-akademischer Klugscheißer-Jargon ist ja eher eine allgemeine deutsche Vorliebe. (Ein witziger Artikel zu dem Thema findet sich auf rocktimes.de) Mich erinnert das an einen Lego-Baukasten: Hier ein grünes Klötzchen, dort ein rotes Klötzchen, noch ein gelbes Hütchen drauf und fertig ist die stilistische Selbstdefinition. Dass das für mich alles irgendwie gleich klingt, kann nicht einzig an meiner beginnenden Altersdemenz liegen. Bin ich kürzlich im Web doch glatt auf eine voll fett krasse Anzeige gestoßen: Da sucht ein Jugendzentrum dringend nach Bands, die NICHT den üblichen Punkrock und Metal spielen, weil sie mit Bewerbungen dieser Art nun wirklich die Säue füttern könnten oder so ähnlich.

Ist ja ein Ding! Die Hauptzielgruppe des Musik-Marketings erdreistet sich, die ihr vorgesetzten Identitätshülsen abzulehnen! Ey Kidzz, ihr habt anscheinend vergessen, was man von euch erwartet: Rotzig soll ihr sein, wild und rebellisch und … ähem, also irgendwie total jung und und so. Deswegen sollt ihr ja auch rotzige, rebellische und total junge Musik anhören (und auch spielen natürlich), weil das euer vom Marketingdoktor verordnetes Lebensgefühl ist. Und wir alten Säcke müssen neidisch auf euch herab- bzw. zu euch aufblicken, weil bei euch geht's ja so dermaßen ab, während wir uns Phil Collins und Tina Turner reinziehen (empfiehlt jedenfalls der Marketing- und Lifestyle-Doktor), wie gestochen zu Ü30 bzw. Ü40-Parties rennen und von fern bereits der Sensenmann jodelt. Nur dass keiner richtig zufrieden scheint mit dieser strikten Einteilung. Sonst würden viele "Alte" nicht total verkrampft auf jung machen und die "Jungen" würden sich nicht aufführen wie abgebrühte alte Säcke, für die es nichts Neues mehr gibt unter der Sonne.

Sicher bin ich nicht der erste, der zu der Ansicht gelangt ist, dass wir alle miteinander grob verarscht werden. Wir werden in Zielgruppen unterteilt, die streng nach Altersgruppen und Sozialstatus geordnet sind. Damit man uns zielgenau den Krempel verhökern kann, den wir angeblich so dringend benötigen, um unser jeweiliges "Lebensgefühl" auszustatten. Die Werbefritzen plappern uns so lange vor, wer wir eigentlich sind und was wir zu wollen haben, bis wir es auch glauben. Und wir sind so blöd und teilen uns, individualistisch wie wir nun mal sind, auch noch selbst in Sparten ein, bis jeder seine eigene hat. Da sitzt man dann drin, jeder in seiner Sparte, und schaut traurig raus. Na ja, vielleicht freut man sich ja, wenn es wieder einen neuen voll geilen Klingelton für die Handmöhre gibt...

"Teile und Regiere" hieß ein Leitsatz des Römischen Reiches, und dasselbe machen sie jetzt mit uns: Die einzelnen "Zielgruppen" gegeneinander ausspielen, um sie noch besser in den Griff zu bekommen. Am ekelhaftesten wirkt sich diese Strategie auf dem Arbeits-Sektor aus. Die "Alten" – also alle, die das definitive Greisenalter von 40 erreicht haben – werden aussortiert, angeblich damit die "Jungen" nachrücken können. Nur dass die keiner mehr ausbilden will, weil das die Unternehmen ja was kosten könnte. Überhaupt sind wir nur noch als Konsumenten gefragt und ansonsten ziemlich überflüssig. Dass sich keiner den ganzen Scheiß kaufen kann, wenn er nichts verdient, hat sich von den Schlaumeiern anscheinend noch keiner überlegt.

Auf das Musikbusiness übertragen wirkt sich das Generationen-Splitting dann so aus, dass gewohnheitsmäßig über so genannte Rock-Opas schwadroniert wird, die nun endlich mal die Gitarre an die Wand hängen sollten, um endlich den Jungen Platz zu machen. Als hätten sich die Rock-Embryonen nicht sowieso schon überall ausgebreitet. Dabei kommen die meisten von denen übers Säuglingsstadium erst gar nicht hinaus. Wenn nicht auf Anhieb ein Hit rausspringt, werden sie ausgemustert, bevor sie die musikalische Pubertät erreicht haben. Ohne die geringste Chance, es jemals zum Rock-Opa zu bringen.

Wir reden hier nicht über Best-Of-Wiedergabe-Membranen wie Rod Stewart. Schauen wir uns David Bowie an. Als er jung war, war er Kult. Und irre schlecht, wie sich anhand des "Ziggy Stardust"-Konzertfilms belegen lässt. In den letzten Jahren hat er sich zum Mega-Performer entwickelt, das ist zumindest meine bescheidene Ansicht. Der Mann steht mit 58 Jahren auf dem Zenith seines Schaffens. Und erfindet bei jeder Tour seine ollen Kamellen neu, als hätte er sie gerade erst komponiert. Wenn er dann noch behauptet, dass ihm das Singen erst seit kurzem Spaß mache, weil früher immer die Selbstinszenierung im Vordergrund gestanden habe, dann könnte ich den alten Knaben umarmen. Er singt ja nicht nur gern, sondern auch gut. Manchmal sogar begnadet. Das ist es, was mit Rock'n'Roll passiert, wenn er die Chance erhält, erwachsen zu werden. Es geht irgendwann nur noch um die Musik, nicht um das ach so exzentrische oder sonstwie geartete Ego, um Jugend-"Kultur" (die von den Soziologen erfunden wurde) oder egal welche Gesinnung.

Rock'n'Roll hat als Abgrenzungsmechanismus "jung gegen alt" ausgedient. Papa hört Led Zeppelin, Kind hört Böhse Onkelz. Muss der Papa jetzt die Egerländer hören, damit das Kind einen Freiraum erhält, um in aller Ruhe seine Pubertät ausleben zu können? Zep verstanden ihr Handwerk und die Onkelz verstehen ihres, nur dass die Zeps vorher da waren und die Onkelz ohne sie wahrscheinlich nie stattgefunden hätten. Bleibt einzig das Herumreiten auf dem Altersunterschied, um die Generationen zu spalten. Und das ist nun wirklich nichts Neues. Der einstmals unter Hippies verbreitete Glaubenssatz, dass mit Dreißig das Leben vorbei ist, hat zu einer ultra-spießigen Anschauung mutiert, die nun als "Jugendwahn" in die Köpfe einzementiert ist. Auf meine Weise war ich übrigens selbst mal so ein Spießer. Mit Achtzehn habe ich mit einem Bassisten gespielt, der sich als Fünfunddreißig erwies. Fünfunddreißig!!! Mein Weltbild stand Kopf: Hatte man in dem Alter nicht mit Anzug und Krawatte herumzulaufen und ein verdammtes Eigenheim abzubezahlen? Dabei erwies sich unser Hans, so hieß der Mann, als der Lockerste von uns allen. Von Jugendwahn keine Spur, der tat einfach nur, was ihm Spaß machte. Nicht dass ich viel von ihm gelernt hätte, aber als ich mit Fünfunddreißig immer noch mit der Gitarre herumlief, habe ich des öfteren an ihn gedacht.

Fakt ist (...eine Scheiß-Formulierung, aber sie passt so gut zum Thema) – Fakt ist, dass wir Oldies unsere Jugend nicht zurückgewinnen können, und dass die Youngsters dem Älterwerden nicht entrinnen können. Beides sollte einen dazu anspornen, das zu tun, was man liebt, und es so gut zu machen, wie es geht. Und was gut werden soll, braucht in der Regel ein bisschen länger als irgendein Ex-und-Hopp-Lebensgefühl zu tanken und mal eben eine Runde um den Zeitgeistaltar zu drehen. Es ist schade um jede Minute, die man in einer Schablone verbringt, egal ob jung oder alt oder in oder out auf der Schablone steht. Tut was ihr wollt und achtet darauf, dass ihr liebt, was ihr tut. Das klingt uncool, aber es ist der einzige Ausweg aus dem Gesinnungsterror. Es gibt Dinge, gegen die haben die Arschlöcher, die uns unser Leben, unser Denken und unser Selbstbild diktieren wollen, keine Chance.

© 2005 Peter Scheerer