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Was für ein Jammer: Es gibt keine gute Musik mehr!

Früher war einfach alles besser. Die Musik vor allem. Damals konnten sie wenigstens noch spielen. Mit Feeling! Jawoll. Es gibt einfach keine gute Musik mehr et cetera usw. Schnüff!

Da ist schon was Wahres dran, oder? Abgesehen davon, dass "früher" ein dehnbarer Begriff ist. Gemeint ist in der Regel ein bestimmter Lebensabschnitt, in diesem speziellen Fall die so genannte Jugend. Sexuelles Erwachen, Abnabelung vom als rückständig/spießig/die Freiheit einengend empfundenen Elternhaus. Nächte durchmachen mit Freunden. Die Kneipen, Discos, und dann erst die Konzerte und Festivals! Der Soundtrack unseres jungen Lebens transportierte unsere Emotionen, manchmal rief er sie auch erst hervor. Alles schien offen, the future was yet unwritten... bis es über Nacht ernst wurde. Ausbildung, Studium, Berufsleben, Famliengründung. Für Viele hieß das: Runter mit den langen Haaren, rein in den Anzug, Krawatte umbinden (Anmerkung: Meine Bezugsplattform sind die Prä-Punk-Siebziger – und vor allem der Punk machte es möglich, dass es ein paar Jahre später wieder als cool galt, wie ein Lackaffe auszusehen). Die Jugend war dahin, die Unschuld verloren, man rackerte sich genauso ab wie die Generation davor. Aber da gab es ja noch... die Musik.

Für die einen waren es Black Sabbath, Deep Purple und Led Zeppelin. Für die anderen Bowie und Roxy Music. Wieder andere hingen zu den Klängen von Joe Cocker und Eric Clapton den alten Zeiten nach. Die Liste ist lang, und sie dient den Machern von Oldie-Sendern und Senioren-Discos als Existenzberechtigung. Wobei zur Zeit anscheinend die Achtziger Jahre Konjunktur haben. Klar, die Leute, die in den 80s aufwuchsen, sind heute in den Dreißigern und bilden eine konsumfreudige Zielgruppe (das sagen die Marktforscher, nicht ich). Nur dass das, was in den Achzigern an wirklich guter Musik produziert wurde, von den Medien genau so verschmäht wird wie die Highlights von heute. Oder wann hat jemand zuletzt King Crimson's "Elephant Talk" oder Thomas Dolby's "Flat Earth" im Radio gehört?

Womit das Stichwort gefallen wäre: Die Highlights von heute – gibt es die denn überhaupt? Wir sprechen hier schließlich über gute Musik und nicht über das ganze Zeug, das im Radio rauf und runter gespielt wird. Ich behaupte jetzt einfach mal: Ja, es gibt sie, aber im Gegensatz zu früher (bzw. ganz früher, als Bloodwyn Pig, Savoy Brown und Atomic Rooster im Radio liefen) muss man nach ihr suchen. Wir waren verwöhnte Bälger, was das anbetraf. Bei uns in Bayern gab es jeden Tag eine Stunde Club 16, und im TV lief deutschlandweit der Beat Club. Ich erinnere mich an eine komplette Live-Aufführung von Return To Forever's "Hymn Of The Seventh Galaxy" und an ein Studio-Konzert von Todd Rundgren's Utopia. Kultur-Fernsehen pur! Da kann man schon mal zu weinen anfangen, wenn man die geklonten Rotznasen auf den Musik"-Kanälen zu ihrem marketingkonformen Sound-Design "rocken" sieht.

Aber bevor wir jetzt alle die Taschentücher rausholen, wenden wir doch unsere Augen vom Schatten ab und richten sie aufs Licht. Tatsache ist: Es wird mehr Musik produziert als je zuvor, und die Erschwinglicheit von professionellem Studio-Equipment macht es auch Künstlern, die nie im Leben einen Major-Deal an Land ziehen würden, möglich, ihre Musik zu veröffentlichen. Zwar gilt auch hier nach wie vor Sturgeon's Law, welches besagt: "90 per cent of everything is crap" ("Neunzig Prozent von allem ist Mist"), aber das ist schon immer so gewesen. Nur dass heute kein engagierter Redakteur mehr unsere Hand hält, wenn wir uns auf die Suche nach den verbleibenden zehn Prozent machen. Dafür gibt es jetzt das Internet mit seinen zahllosen Möglichkeiten. Die Kids machen es vor. Die sind den "klassischen" Medien und ihrem stereotypen Geschmacks-Diktat schon längst abtrünnig geworden und picken sich aus dem unermesslichen digitalen Angebot heraus, was ihnen gefällt. Und wer das MP3-Format verschmäht (so wie ich etwa), der investiert noch ein bisserl Zeit und lässt sich die CD mit der Post liefern.

Ungefähr vor einem Jahr fing ich an, von diesen Möglichkeiten Gebrauch zu machen. Ich schnüffelte in Insider-Foren herum (etwa bei http://www.progressiveears.com/ ), machte mir Notizen, stöberte daraufhin bei amazon.com und googelte fleißig. Einige der Platten, die ich auf diese Weise entdeckt habe, sind mir inzwischen richtig ans Herz gewachsen. Und ein Leben ohne Porcupine Tree und Stephen Wilson kann ich mir inzwischen nicht mehr vorstellen. Es gibt verdammt gute Musik, vielfältiger und einfallsreicher denn je. Nur dass sie einem nicht mehr so leicht in den Schoß fällt. Als wir unsere musikalische Prägung erhielten, waren wir offen und nicht selten unkritisch. Da sind wir schon auch mal auf etwas abgefahren, was eigentlich totaler Scheiß war. Aber wir haben es dennoch weiter mitgeschleppt, weil irgendwelche Emotionen damit verbunden waren, die mit der Musik selbst nicht viel zu tun hatten. Heute sind wir längst nicht mehr so begeisterungsfähig, wir sind abgebrühter, desillusionierter, pragmatischer geworden. Wir müssen unseren Genuss mitunter erarbeiten, unsere Vorurteile, Gewohnheiten und sentimentalen Bindungen an das Alte über Bord werfen. Das führt unter Umständen auch dazu, dass man seine persönlichen Evergreens neu entdeckt und ihnen ganz andere Seiten abgewinnt.

Sehen wir es mal so: Mit der Musik ist es wie mit einer Ehe. Was muss das für ein Gefühl sein, wenn man jemand liebt, nur weil er/sie früher mal schön und knackig gewesen ist. Wenn eine Liebe alt wird, passiert mit ihr dasselbe wie mit anderen Dingen: Sie mieft. Da hilft nur eines: Die Reset-Taste drücken, Dateien aktualisieren, Software upgraden. Willkommen in der Gegenwart.

© 2007 Peter Scheerer

Eine kleine Auswahl meiner musikalischen Neu-Entdeckungen der letzten 12 Monate:

Porcupine Tree – Ein Freund bekam den Tipp von seinem Sohn und gab ihn weiter.
Fast schon eine Schande, dass ich so spät von dieser Wahnsinnsband erfahren habe.
Blackfield / NoMan – Die poppigeren und experimentellen Seiten von PT's Stephen Wilson.
Carptree – Noch was mit Bäumen: Schwedischer Flirt mit den Genesis der Peter Gabriel-Ära.
Somnambulist – Furioser, zitatenreicher Prog-Mix.
Hört sich an wie eine Session aus mit Mitgliedern von Yes, Kansas und King Crimson.
Wilco – Ihr letzter Streich "Sky Blue Sky"
ist vielleicht DAS Album 2007.
Wobbler – Instrumentaler, Mellotron-gespickter Symph-Prog aus Norwegen. Junge Hüpfer, alte Schule.
Fluttr Effect – Progressive-Band aus Boston. Midi-Marimba statt Keyboards, Cello statt E-Bass,
dazu fette Drums und E-Gitarren und eine Stimme wie Debbie Harry.
Kaddisfly – Hammerband aus Portland/Oregon.
Irgendwo zwischen Muse und den frühen Ambrosia anzusiedeln.
Bad Dog U – Instrumentaler Symphonic Fusion aus Chicago. Mächtig!
Unexpect – Art-Metal aus Kanada. Viele Violinen, Killer-Arrangements. Nur für Hartgesottene.
Third Ending – Melodischer Power-Rock/Metal aus Tasmanien.