
Ein
Leben am Draht: Dreißig Jahre auf der Suche nach dem Sound
Am Anfang
stand das Banjo, Genauer gesagt ein Tenorbanjo, denn so heißen
diese bratpfannenartigen Eumel, wenn sie nur vier Seiten haben.
Man schrieb das Jahr 1970 und jeder Depp, mit Verlaub gesagt,
lief mit einer Gitarre durch die Gegend. Wer etwas auf sich hielt,
gab sich den strahlenden Anschein des Kreativen. Jeder sein eigener
Dylan, der konnte es schließlich auch nicht richtig. Und
spontan musste es sein. Auf einer grünen Wiese im Gras lümmeln,
einen Joint herumreichen und auf der Klampfe rumschrubben. Meistens
kam dann noch einer mit Bongos dazu. Das sind diese kleinen Urwaldtrommeln,
die man leider auch überallhin mitnehmen kann.
Also bekam
ich ein Banjo, das kostete ungefähr 120 Mark. Viel lieber
hätte ich Klavier gespielt, aber das Elternhaus verfügte,
so wurde mir mitgeteilt, weder über den nötigen Platz
noch über das entsprechende Kleingeld. Am zweiten Tag meiner
Banjo-Karriere gab ich ein Gastspiel im Musikunterricht. Die Bluestonleiter,
E Gis H Cis D Cis H Gis, natürlich nach dem Zwölferschema
und auf allen drei Stufen, Eins, Vier und Fünf. Die fünfte
war eine Herausforderung, weil ich sie nicht auf einer Leerseite
aufbauen konnte. Da saß ich also mit meiner roten Birne
und machte Ploink Doink Deng Deng Pleng. Die Mitschüler reagierten
verstört. Die kannten mich nur als einzelgängerischen
Clown, der mit Musik nichts im Sinn hatte. Der Musiklehrer fragte:
"Und wie lange spielst du schon?" "Seit
gestern", keuchte ich verlegen. Bestimmt hat er es mir nicht
abgekauft. Warum sollte er. In Musik stand ich auf einer Vier.
Blues-Feeling wurde damals noch nicht bewertet, und so viel ich
weiß, wird es das heute noch nicht.

In
the beginning: Banjo-Pete & friends (l.). Vier Jahre
danach: Hey man, das is ja 'ne Hayman! (m.) Die olle Burns
war drei Mal im Theatron mit dabei (r.).
Das Banjo
befriedigte mich nicht auf Dauer. Vielleicht hätte aus mir
ein zweiter Bela
Fleck werden können, aber es drängte mich zu sehr,
meinen Vorbildern nachzueifern, und die hatten verdammt noch mal
alle eine Stromgitarre vor dem Wanst hängen. Nach einem halben
Jahr wurde das Banjo verscheuert und ich glücklicher Besitzer
einer Stromgitarre aus dem Hause Hertie. Eine Stratocaster-Kopie
mit Sunburst-Lackierung und sage und schreibe FÜNF verdammten
Tonabnehmern, und das alles zusammen für 150 Mark! Mein Vater
organisierte einen unsäglichen Verstärker, ich trieb
eine nicht minder unsägliche Lautsprecherbox auf, und über
Nacht war ich ein Rockstar. Jedenfalls fühlte ich mich so.
Also, die
Hertie-Strat, die war es dann auch nicht. Neidvoll blickte ich
auf die Lokalheroen mit ihren Strato- und Telecasters, ihren Les
Pauls und 335ern. Die hatten entweder reiche Daddys oder sie jobbten
nebenher, um sich ihr geiles Equipment leisten zu können.
Ich jobbte ebenfalls und schaffte mir eine schwarze Les Paul-Kopie
von Ibanez an (NP ca. 400 Mark). Oh, die war nicht übel.
Wir haben tolle Sachen miteinander erlebt, meine falsche Paula
und ich. Aber wir waren nicht auf Dauer füreinander bestimmt.
Es folgte ein gar merkwürdiges Teil der Marke Hayman.
Dann erblickte ich in einem Musikgeschäft am Gärtnerplatz
eine noch merkwürdigere Klampfe: Eine weiße Burns,
damals schon ein absolutes Retro-Teil, mit der Gravur "Designed
and handcrafted for Hank B. Marvin" in der Halterung für
den Vibratohebel. Ich liebte diese Wumme, auch wenn ich mit den
Shadows, deren Sound von Hank Marvin und seiner Burns geprägt
wurde, wenig anfangen konnte. Sie begleitete mich zu meinem ersten
Gig im Theatron und weiß Gott wohin. Ich hielt ihr mehr
als zehn Jahre lang die Treue, bis sie mir von einem britischen
Popstar (dem Gitarristen von Curiosity Killed The Cat)
regelrecht aus den Händen gerissen wurde.
Zwischendurch
machte ich ein tolles Schnäppchen, nämlich eine weiße
Gibson Les Paul, die inzwischen stilvoll vergilbt ist und einige
Modifizierungen hinter sich hat. Obwohl ich sie zur Zeit kaum
einsetze, werde ich sie wohl nie hergeben. Einfach deswegen, weil
sie eine verdammt gute Gitarre ist, auch wenn sie nicht aus den
Fünfzigern stammt. Aber mit diesem Jahreszahlen-Gedöns
habe ich es noch nie gehabt. Dann waren da noch
eine Epiphone Scroll, eine Flying V-Kopie von Hoyer (die ziemlich
geil war...), eine Ichweißnichtwas-Vantage sowie eine B.C.Rich
Mockingbird, die ich in London erstanden hatte. Die musste einfach
sein, wegen der verwegenen Form. Später haben sie's bei B.C.Rich
bekanntlich ein wenig übertrieben mit dem Design, und heute
verkaufen sie Anfänger-Kits für Nachwuchsmetaller. Muss
es auch geben.

Schnauzbart-Action:
'80 scrollte man nicht durchs Internet, sondern übers Griffbrett
seiner Epiphone Scroll (l.). Bei der Jodie Rocco Band gibt
Pete den Townsend auf einer Klampfe mit fragwürdigen Stammbaum
(m.). Mit der Paula in der Aula
nein, es war die
Alabamahalle, ca. '83 (r.). Die flippigen SW-T-Shirts gingen damals
übrigens für 'nen Zehner her.
Es folgte
die Ära von Floyd Rose und Co. Ich kaufte eine ESP-Strat
mit aktiver Klangregelung, weil man mit diesem Teil (fast) jeden
Sound herbeizaubern konnte. Und eine neongelbe Steve-Vai-Klampfe
von Ibanez, für das ganz harte Brett. Ein Kumpel beschaffte
mir eine türkisgrüne Ibanez, die irgendwie aussah wie
ein eingefärbter Tunfisch. Irgendwann hatte ich sieben Gitarren
herumstehen und war doch nicht glücklich. Unser Bassist Peter
würde jetzt müde grinsen, der hat es schon mal auf 120
Gitarren gebracht. Lauter edle Vintage-Teile. Aber ich war nie
auf dem Sammlertrip. Sondern immer nur auf der Suche nach meinem
Sound.
Eines
der letzten Bilder von mir und meiner Burns, ca. '84. In der Mitte
erkennt man den späteren DW-Trommelschamanen Harry Reuter.
Links im Bild der Anthal, auch so eine Legende (.). Mit
der Mockingbird im Theatron, ca. '85. Fesches Teil, fast so cool
wie mein Schlips (m.). 1987/88 mit meiner nagelneuen ESP-Strat
im Ü-Raum. Grins grins. (r.)
Dann wurden
Dogs Welcome geboren. Das erste Album spielte ich noch
mit der ESP und der Les Paul ein. Unser Bassist flog raus und
Peter Kuroczik kam an Bord. Da wusste ich noch nicht, dass er
unter der Marke "Skillet" wundervolle Gitarren baut
bzw. bauen lässt, ich habe das bis heute noch nicht ganz
verstanden. Er brachte mal ein paar von seinen Modellen zum Üben
mit, lauter Fender-Nachbauten, und ich dachte mir: Tu ihm den
Gefallen, häng dir so ein Brett um und spiel ein paar Songs
darauf. Ich wählte eine rote Strat mit blassgrünem Schlagbrett
aus, weil mir die Farben gefielen. Ich hatte mit dem Prinzip Fender
nie viel anfangen können, aber diese Gitarre war völlig
anders. Die arbeitete vom ersten Ton an mit mir zusammen. Als
wüsste sie genau, was ich ausdrücken wollte.So was hatte
ich noch nicht erlebt. Eine Gitarre, die mitdenkt. Eine Gitarre,
die lebt. Die klingt, wie eine Gitarre klingen soll, und die mir
sagt, wo es lang geht. Auf einmal konnte ich wirklich spielen.
Ich hatte immer gedacht, ich könnte es. Ach was.

Mit
einer Skillet als Unterleibsharnisch scheut der Homo Musicus auch
nicht die fetteste Bühne...
Natürlich
verstimmt sie sich, es reißen Saiten und die Potis knacksen,
wenn ich zu viel reingeschwitzt habe. Aber mit dieser Gitarre
auf der Bühne zu stehen ist eindeutig geiler, als eine Busladung
Supermodels zu pimpern (wobei mir hier zugegebermaßen die
Vergleichsmöglichkeit fehlt). Verstehen wir uns nicht falsch
ich bin nicht sentimental, und was Instrumente betrifft,
bin ich zum Pragmatiker geworden. Ich will eine tolle Performance
abliefern, und dabei sollte das Instrument am besten gar nicht
vorhanden sein. Gut die Hälfte eines Gigs singe ich, meist
mit geschlossenen Augen, und gleichzeitig will ich auf der Gitarre
das Bestmögliche leisten. Ich will nicht ständig mit
ihr verhandeln müssen, damit der nächste Ton auch garantiert
gut kommt. Dazu brauche ich ein Stück Holz mit Drähten
drauf, das sich mir körperlich, mental und schwingungsmäßig
anpasst, ohne seine Persönlichkeit einzubüßen.
Und dieses Stück Holz ist durch eine gottgewollte Fügung
zu mir gekommen. Wie gesagt: Fender war nie mein Ding. Aber "sie"
ist ja auch keine Fender, sondern eine Skillet. Vielleicht liegt
ihr Geheimnis darin, dass unser Skillet-Peter am selben Tag Geburtstag
hat wie Leo Fender. Dass es seine Bestimmung ist, endlich die
Instrumente zu schaffen, die Leo-hab-ihn-selig eigentlich hätte
bauen sollen.
Klar gibt
es Musiker, die auf jeder noch so abgeschrammten Klampfe tolle
Sachen spielen können. Hey, ich bin auch so einer! Aber ich
will in meinem Instrument keine Herausforderung sehen, sondern
einen Gefährten, der mit mir durch dick und dünn geht
und mich auch mal ein Stückchen weit trägt, wenn es
sein muss. Und
wenn nach einem Gig die Leute zu mir kommen und sagen, dass ich
der beste Gitarrist wäre, den sie seit langem gehört
haben (was sie bestimmt nicht nur zu mir sagen
), dann liegt
das nicht unbedingt an mir allein. Sondern an der Einheit zwischen
mir und dem Brett mit den Drähten drauf.
©
2006 Peter Scheerer
Fotos:
Fürstenfeldbrucker Neueste Nachrichten, Susanne Bertenbreiter,
meine Mutter und ein ungarischer dpa-Fotograf mit dem Vornamen
Istvan. Die Namen der restlichen Bildautoren sind mir leider entfallen.