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Ich
bin retro und das ist gut so
"Technik
wird mit Ursprünglichkeit kombiniert, etwa mit alten Instrumenten
wie der E-Gitarre", verrät Tim Renner, Chairman bei
der Universal Music Deutschland, der Hipster-Gazette Maxx
in ihrer Maiausgabe von 2003, auf die Frage nach den neuesten
musikalischen Trends. Und schenkt uns die Hoffnung auf eine "Rückkehr
zur Natürlichkeit" als "Wunsch nach wahrer Musik in einer
verwirrenden Welt." Weil nämlich, hört hört: "Der
schnörkellose Rock-Pop von Bands wie The Strokes, The Vines
oder The White Stripes riecht nach Schweiß, das gefällt".
Doch schließlich wird einschränkenderweise resümiert,
dass Elektro-Gruppen langfristig massenkompatibler sind, "weil
sie das Killerargument der größeren Modernität
haben die Gitarrenbands sind immer als total retro angreifbar".
Da haben
wir´s schwarz auf weiß und zwar von einem, der ganz
klar die Übersicht behalten hat in unserer ach so verwirrenden
Welt: einem Industriemanager nämlich, und wenn wir Industrie
hören, denken wir nicht erst seit gestern an Fließbänder,
Retorten und Wachstumszwang, an Rationalisierung, Effizienzstreben
und Risikovermeidungsmodelle. Elektro-Gruppen, deren Songs im
Kinderzimmer am PC zusammengebastelt werden, lassen sich nun mal
ungleich preiswerter produzieren als eine Rockband mit ihren sperrigen,
störrischen Instrumenten, die dauernd nachgestimmt werden
müssen und wo es auf den Zentimeter ankommt, wenn man mit
dem Mikro den Gitarrenverstärker optimal abnehmen will. Wenn´s
dann unbedingt doch mal eine Klampfe sein soll, um dem Ganzen
so einen gewissen rebellischen Touch aufzudrücken
da haben wir doch mal ein paar geile Gitarrenloops auf unserer
Harddisk gesampelt! Und noch was Computer haben keine Tagesform
(was nicht wirklich stimmt, aber lassen wir das außer Acht).
Wenn Geiz geil ist und Effizienz höchstes Gebot, dann hat
die Festplatten-Mucke natürlich alle Killerargumente (was
für ein Scheiß-Wort!!!) auf ihrer Seite. Dass das Ganze
dann immer ein wenig so klingt wie das, was mein Nokia von sich
gibt, wenn Keith Richards sich mit mir auf eine Kiste Überkinger
verabreden will, ist ebenfalls schlüssig, denn modern ist
nun mal modern, basta. Es lebe der Fortschritt! Und ich habe allen
Ernstes geglaubt, wir lebten bereits in der Postmoderne, wenn
nicht in der Post-Postmoderne!
Wenn es einen
Begriff gibt, der wirklich retro ist, dann ist es für mich
das Wort "modern". Das haben doch unsere Muttis und Omis in den
Sechzigern immer von sich gegeben, wenn es um die neue Resopalküche
oder das unsägliche Nylonhemd für unser Sonntagsoutfit
gegangen ist. Kann es sein, dass "modern" irgendwie verwandt ist
mit "spießig"? Waren es nicht die langhaarigen Hippies,
die Gammler und Freaks, die mit genau dieser aseptischen Bürgerwelt
gebrochen haben? War Hendrix modern, meine Damen und Herren? F***
you, natürlich nicht, er war ein Original. Und Originale
sind niemals modern. Zweihundert Jahre früher hätte
er wie ein Teufel Geige gespielt oder Klavier, oder er hätte
im Busch das Trommelspielen neu erfunden. Letzteres ist wahrscheinlich,
falls man ihn nicht ins Land der Tapferen und Freien zum Baumwolle
pflücken verschifft hätte.
"Das macht
man jetzt so", habe ich mir in den letzten zwanzig Jahren oft
anhören müssen, wenn mir wieder mal ein Freund seine
neueste Produktion vorgeführt hat. Zu hören waren da
der neueste Drumcomputer, der neueste Sampler, der neueste digitale
Multieffektprozessor-Schnickschnack etc. Zugegeben, die Idee einer
totalen künstlerischen Freiheit hat mich so beeindruckt,
dass ich irgendwann auch auf den Trip verfallen bin. Aber ich
war nie modern genug. Ich hinkte den neuen Errungenschaften immer
hinterher, war dementsprechend unzufrieden mit meinem Output und
verlor mich immer mehr in Knöpfchendrehen und Computertastenhacken.
Schau, Mami, ich drücke hier auf den Knopf und da drüben
kommt ein Lied raus! Braver Bub! Das konnte es einfach nicht sein.
Dann wurde ich von unserem allseits verehrten Dr. Will auf seine
Blues-Session eingeladen und war plötzlich wieder da, wo
ich schon zwanzig Jahre vorher gewesen war. Ich durfte wieder
spüren, was es heißt, mit jeder Note ums Publikum zu
kämpfen. Und seit jenem Tage, ich schwöre es, fühle
ich mich ständig ein bisschen jünger. Dafür bin
ich gern unmodern und, wenn es denn sein muss, von mir aus auch
noch retro.
Als es mit
DW dann ins Aufnahmestudio ging, stand da ein altes Dampfross
von einer 24-Spur Studer Bandmaschine. Wir haben in zweieinhalb
Tagen 12 Songs eingespielt, ohne die Möglichkeit einer Korrektur
am Bildschirm und anderem Komfort. Der Industriemanager würde
wahrscheinlich müde grinsen und behaupten, das wäre
nun wohl alles andere als massenkompatibel. Klar, wir haben den
Sound auch nicht auf UKW-Hitradio getrimmt. Wir haben ihn auf
gar nichts getrimmt. Du hörst das, was am anderen Ende reingesteckt
wurde und sonst nichts. Hat irgendwie mit Musik zu tun.
Um nicht
ungerecht zu werden: Es gibt hervorragende Produktionen, die größtenteils
am Rechner entstanden sind. Ich denke da zum Beispiel an das irrlichternde
"Post" von unserer isländischen Schrägkreischdrossel
Björk oder an das verstörend schöne "Heaven and
Hell" von Joe Jackson. Nur dass von beiden bekannt ist, dass sie
auch anders können. Aber auch nicht jedes Gitarrengeschrubbe
lässt sich zwingend als musikalisch oder gar inspiriert bezeichnen,
nur weil da eine Telecaster über einen AC30 sägt
und gerade die, hm, "modernen" Pubertätskrachbands gehen
mir zum Teil auf den Zeiger, weil da vielleicht zwar die Gesinnung
stimmt, aber damit hat es sich dann oft auch schon. Ist aber voll
OK, denn wo nichts ist, da kann ja noch was werden. Mir persönlich
ist es sowieso egal, auf welchem Weg die Musik entstanden ist,
die ich höre. Entweder es ist Musik oder es ist massenkompatibler
Schrott, und dazwischen liegen Welten. Aber wenn ich die Gitarre
in die Hand nehme, dann will ich etwas riskieren, ob im Studio
oder auf der Bühne. Wenn es dann auch noch trendmäßig
nach Schweiß riecht von mir aus, das lässt sich
sowieso kaum vermeiden. Der Knackpunkt ist doch, dass "es" lebt,
oder irre ich mich da?
Und wenn
ich damit retro bin, dann ist das gut so.
©
2003 Peter Scheerer