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Um
was geht's da eigentlich & why
in English?
Wenn sich
die Leute unsere CD "Excuse Me" oft genug reingezogen
haben, fangen sie manchmal an, auf die Texte zu hören. Und
stellen fest, dass die gar nicht mal so doof sind, wie man es
von einer deutschen Rockband erwarten würde. Gottlob bin
ich des Englischen so weit mächtig, dass ich meine selbst
gesteckten Ansprüche halbwegs erfüllen kann. Auch wenn
ich hin und wieder "Baby" verwende. Aber vor diesem
Standard mussten schon Songschreiber vom Format eines Don Henley
kapitulieren, der es knapp auf den Punkt bringt: "There's
no substitute for Baby."
Am Anfang
habe ich meist nicht mehr als ein, zwei Zeilen, plus einen Groove
oder eine Akkordfolge. Dann geht die Sucherei los: Nach einer
schlüssigen Weiterführung bzw. nach einem übergeordneten
Zusammenhang. Den finde ich nicht selten in irgendeiner Psycho-Kiste.
Excuse Me zum Beispiel handelt von einem Typ, der aus seinem
alten Leben herausgewachsen ist: Dear Mr. wise man, there's
something wrong with my life. I hate my job and I also hate my
wife. Er trägt seinen Arsch zum Guru bzw. zum Therapeuten
und will sich das Problem wegbeamen lassen. Und zwar sofort und
auf der Stelle, denn unser Kandidat ist so busy, dass
er keine Zeit hat für irgendwelche tiefer greifenden Faxen:
I need a smooth advice and not a lullaby. Das chaotische Gitarrensolo
indes spiegelt die zersplitterte Gefühls- und Denkstruktur
des Erzählers wider. Live endet das Stück mit einem
pathetischen Finale, das die Aufgeblähtheit seines mickrigen
Egos aufscheinen lässt
hey,
ich fange an, den Song zu kapieren! Warum habe ich diesen Artikel
nicht schon früher geschrieben?
Auch Stranger
(wird auf der kommenden Live-CD enthalten sein) ist so ein Psycho-Trip,
nur geht es hier ein Stückchen tiefer. There's a stranger
in my mind he pretends to be a good good friend of mine.
Die elegische Grundstimmung des Songs beschreibt den Schwebezustand
zwischen Ausgeliefertsein und heroischem Aufbäumen. Doch
wen oder was bekämpfen, wenn der Feind im eigenen Kopf sitzt
und nach der Kontrolle greift? Don't come any closer, I might
hurt you again. Der Untergang scheint unvermeidlich: Alle
Akkordfolgen führen abwärts. Bis auf den kurzen Instrumentalpart
zwischen den Strophen und ganz am Schluss. Der zeigt auf melancholische
Weise nach oben und deutet an, dass es vielleicht doch noch einen
Funken Hoffnung gibt.
Bei
Rise and Shine geht es um jemand, dem das Leben gerade übel
mitgespielt hat: Job verloren, keiner ruft an, die Freundin trifft
sich mit einem anderen. Eigentlich kein Grund zur Sorge, denn
draußen locken elementare Freuden: Outside your room
the day is bright, the sky's so clear. Aber unserem Sorgenkind
fällt nichts besseres ein, als die Jalousien runterzulassen
und den Fernseher anzuwerfen: You consider watching TV. Dann
die Prognose: One day you will rise and shine. Du machst
es dir bequem in deiner Rolle als Loser, doch in dir steckt mehr,
als du denkst. Passend dazu das optimistische, beinahe kitschig-schöne
Gitarrensolo.
The Thoughtful
Song greift die Frustrationen des Alltagslebens von einer
anderen Seite her auf: When you're exhausted by your
everyday routine it's hard to find an exit from this old machine.
Du rackerst Dich ab im Hamsterrad und kommst doch keinen Schritt
weiter. Was so selbstmitleidig beginnt, dreht sich in der Bridge
um 180 Grad und wir finden uns in der Position eines außen
stehenden Beobachters wieder, der die öde Knechterei bereits
hinter sich gelassen hat: Did you ever really try it your way?
Did you ever look behind the wall? Der Refrain schließlich
ist eine wütend herausgeschrieene Provokation an diejenigen,
die den ganzen Scheiß mitmachen und jammern, anstatt ihr
Leben in die eigene Hand zu nehmen: Tell me how it is
swimming with the stream. Als neue Deutschlandhymne zu empfehlen...
Natürlich
schreibe ich auch Beziehungstexte. Song About Me ist eine
ironische Abrechnung mit den Klageweibern, denen es kein Mann
recht machen kann. Immer macht er was falsch, nie stellt er die
Prinzessin auf der Erbse zufrieden. Er zieht die Konsequenzen
und geht und sie heult. Fazit: Why don't you buy a guitar
and write a song about me become a songwriter star
complaining life is hard and find a crowd who admits. Ähnlich
gemeint ist unser teuflischer Abgeh-Boogie Baby Said
.
Ein Mann gerät an eine Frau, die ihn so sehr "liebt",
dass sie ihn von früh bis spät kontrolliert. Baby
loves to watch me all day and all night long. Er fühlt
sich zwar geschmeichelt: You know I love attention
aber: I hate to pay the fees. Unser Typ kehrt in einem
unbeobachteten Moment zu seinem Vagabundendasein zurück
das seinen Ausdruck in einem entfesselten Gitarrensolo findet.
Genau andersherum
verhält es sich bei Here I Stand. "Sie"
möchte mit ihm losziehen und die Welt erobern, denn sie ist
jung und hat Hornissen im Arsch: She said, I come with you,
let's walk this road together. Aber "er" hat das
alles schon hinter sich und es ist wohl nicht viel dabei herausgekommen.
Er kleidet seine Enttäuschung in selbstgefällige Phrasen:
I'm standing on the border, feel I'm growin' old or
is it only my experience? Als sie ihn aus der Reserve locken
will How can I trust you when you keep looking back
kommt es zum hilflosen Wutausbruch: Here I stand and
I do what I do!. Witzigerweise bekommt "sie" das
konservative Rock-Riff als Unterlage, "er" die peitschenden
Punk-Akkorde. Da hat wohl der eine, was dem anderen jeweils fehlt?
Trennungen
sind generell ein interessantes Thema und geben inhaltlich viel
mehr her als Verliebtsein. Vielleicht deswegen, weil dann die
Karten offen auf dem Tisch liegen und man Farbe bekennen muss.
Das kann sich ziemlich drastisch anhören wie etwa bei I
Will Not Follow: If you should die, I could not help. Die
melodische Gesangslinie auf der CD ist inzwischen einer rauen,
Dylan-haften Artikulation gewichen, die
vor lakonischer Distanz trieft. Du stehst am point of no
return, spazierst zur Tür raus und nimmst deinen ganzen Krempel
mit: I'll take anything, my blessings and sins, tonight. Wie
fast alle meine Beziehungstexte mühelos auf einen weiblichen
Protagonisten übertragbar. Abgesehen
von Smile, unserem einzigartigen Country-Progressive-Mix,
der bewusst eine antiquierte männliche Position bezieht:
You're tryin' to make me love you, seven days a week
tryin' to make it easy for me, hold me when I sleep. Sie tut
alles für ihn, er lehnt sich zurück und grinst müde.
Schließlich muss sie froh sein, so einen coolen Typen an
Land gezogen zu haben. You read my eyes and do what you must
do, keepin' up the fire. Der armen Frau bleibt es überlassen,
jenes Feuer an Leidenschaft zu entfachen, das er zugunsten seines
tumben Cowboy-Images unterdrückt. Das turbulente Finale könnte
als Hinweis darauf verstanden werden, dass sie ihn in einem Ausbruch
"gesunder" Leidenschaft abwatscht und vor die Tür
setzt.
Und
warum nun das Ganze in Englisch?
Seit
dem Ausbruch der NDW-Epidemie werde ich immer wieder gefragt,
warum ich keine deutschen Texte schreibe. Ich hätte doch
wohl so einiges zu sagen und würde mein kostbares Gedankengut
der nach geistiger Erquickung lechzenden Masse sträflichst
vorenthalten. Okay, ich hab's probiert, ich gebe es zu. Aber wenn
ich Rockmusik auf Deutsch singe, habe ich immer das Gefühl,
mich einer Fremdsprache zu bedienen. Vielleicht
hat es damit zu tun, dass sich das Deutsche so
schwer phrasieren lässt.
Natürlich
kann man diese Phrasierung erzwingen und die Laute, allen voran
diese apotherkerhaft präzisen Konsonanten, bis zur Unkenntlichkeit
zerkauen. Was die Frage aufwirft: Wozu dann überhaupt Deutsch
singen, wenn es keiner versteht?
Deutsch ist
eine tolle Sprache, aber es ist vor allem eine "Sprech-Sprache".
Deswegen funktioniert deutscher Hip Hop auch so gut. Doch sobald
es ans Gesungene geht, entfernst du dich in Riesenschritten vom
Rock'n'Roll. Und wenn du erst mal Gefühle in einen deutschen
Songtext legst, kippt er schneller ins Schmalzige um, als du "übersiebenbrückenmusstdugehen"
sagen kannst. Kommst du amtlich zur Sache, hat es gleich was Großschnäuziges
oder gerät, wie bei Rammstein, zur Parodie. Legst du Wert
auf Inhalte, schaut sofort der Grönemeyer ums Eck und unsere
politisch korrekte Betroffenheit will durch die Speiseröhre
nach oben. Probierst du's mit Ironie, klingt es wie die Ärzte.
Will ich das? Nö.
Ich habe
den Verdacht, dass der deutschen Sprache eine "demonstrative"
Grundhaltung anhaftet, die sich mit Rockmusik nicht vereinbaren
lässt. Denn Rock'n'Roll lebt von seiner Lässigkeit und
seiner Lakonie, und wenn es noch so heftig zur Sache geht. Man
stelle sich folgende Zeile aus I Will Not Follow auf Deutsch
vor: If you should die, I could not help. Und
wenn du sterben würdest, ich könnte (dir) nicht helfen.
Wie bedeutungsschwanger. Wie aufgeblasen. Richard Wagner lässt
grüßen. Oder der Refrain aus Song About Me:
Warum kaufst du dir keine Gitarre und schreibst ein Lied über
mich. Das müsste aus Gründen der Rhythmik natürlich
umgestellt werden, etwa so: Kauf dir doch 'ne Gitarre usw.
Schon ist der ganze subtile Humor raus und es klingt nach einer
Dialogzeile aus einer Vorabend-Seifenoper. Als wäre da jemand
ganz schwer beleidigt und lässt es sich auch noch meterweit
zum Hals raushängen.
Vielleicht
ist es mein persönliches Unvermögen, das es mir nicht
erlaubt, auf deutsch zu schreiben bzw. zu singen. Aber Englisch
und Rock'n'Roll gehören für mich nun mal untrennbar
zusammen. Ich möchte schließlich auch kein bairisches
Schnaderhüpferl auf Portugiesisch hören. Und kein französisches
Chanson auf Japanisch (obwohl es dann vielleicht sogar erträglicher
wäre
). Paradoxerweise hebt es mich vor Vergnügen
aus dem Sessel, wenn die Industrial-Metaller Tool das Rezept
für einen Haschkuchen auf Deutsch vortragen. Oder wenn Frank
Zappa skandiert:Gretel,
mach keine Flecken auf die Couch es brennt Feuer!
Weil es so exotisch klingt? Möglich. Aber vielleicht
fängt es genau da an, wirklich interessant zu werden.
©
2005 Peter Scheerer